Presse

Donnerstag, 24. Februar 2005

Bildung rauf, Betreuung runter

Der Entwurf für das neue Kitagesetz spricht viel vom Bildungsauftrag der Kindertagesstätten.
Diese Bildung sollen viele Kinder aber nur genießen, wenn ihre Eltern tatsächlich keine Zeit haben

SABINE AM ORDE

Gut fängt er an, der Entwurf für das neue Kitagesetz. Von gleichen Bildungschancen für alle Kinder ist da die Rede, von Persönlichkeitsentwicklung und sprachlicher Kompetenz. Von Problemlösen, Kreativität und gesellschaftlicher Teilhabe. Kurz: Der Bildungsauftrag der Kindertagesstätten wird hier formuliert. Und damit klar gesagt: Jetzt ist wirklich Schluss mit der Kita als reine Betreuungseinrichtung.

Das begrüßen auch die freien Träger. Doch sie befürchten, dass es im Kita-Alltag statt zu einer Verbesserung zu einer "schleichenden Standardverschlechterung" kommt, wie Roland Kern vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden (Daks) es nennt. "In dem Entwurf werden hohe Ansprüche formuliert, gleichzeitig aber Ressourcen aus den Kitas abgezogen", sagt Kern. Bei den großen Wohlfahrtsverbänden ist eine ähnliche Kritik zu hören. Öffentlich formulieren wollen sie diese aber noch nicht. "Derzeit prüfen wir den Gesetzentwurf noch", heißt es offiziell.

Die Kritik richtet sich gegen "viele kleine Formulierungen, die die Spielräume der Kitas weiter einschränken". Wichtigster Punkt: die Kriterien, nach denen der Bedarf berechnet wird. Denn der gesetzliche Anspruch auf einen Kitaplatz gilt nur für Drei- bis Sechsjährige und nur für einen Halbtagsplatz. Für andere Kinder und für einen längeren Betreuungszeitraum müssen die Eltern ihren Bedarf nachweisen.

Problematisch, sagt Daks-Sprecher Kern, wird es künftig für solche Eltern, die keine Vollzeitstellen mit fest umrissenen Arbeitszeiten haben. Bislang orientiert sich deren Bedarf an dem Wochentag mit den längsten Arbeitszeiten. Arbeiten beide Eltern mittwochs also bis 18 Uhr, kann das Kind an allen Wochentagen ganztags in die Kita gehen.

Das soll künftig nicht mehr der Fall sein. "Nach dem Gesetzentwurf soll der Durchschnitt errechnet werden." Das führe dazu, dass sich für viele Kinder die Betreuungszeiten verkürzen werden. Zudem soll der Bedarf jährlich überprüft werden. Die Folgen: Die Eltern könnten an einigen Tagen Probleme bekommen, ihre Kinder während der Arbeitszeit unterzubringen. Die Kitas bekommen weniger Personal und weniger Sachmittel. Und die Kinder verbringen schlicht weniger Zeit in der Kita. Das aber, da sind sich die freien Träger einig, widerspricht dem Bildungsauftrag der Kitas. "Da wird die Kita doch wieder nur als Betreuungseinrichtung für erwerbstätige Eltern gedacht", sagt Kern. Genau davon aber müsse man endlich wegkommen.

taz Berlin lokal Nr. 7599 vom 24.2.2005, Seite 28, 83 Zeilen (TAZ-Bericht), SABINE AM ORDE

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Dienstag, 08. Februar 2005

Neue Tische zum Tag der Liebe

Elterninitiative verkauft zum Valentinstag Blumen, um Tische für die Schulen ihrer Kinder zu kaufen. Denn die lernen unter miserablen Bedingungen: Das Geld für Mobiliar oder Renovierung ist knapp
JULIANE GRINGER

Astrid Lohss ist das Backen vergangen. Sie hat vier Kinder, 7 bis 18 Jahre alt, alle gehen zur Schule. Die Mutter hat schon so viele Kuchenbasare bestritten, um die Klassenkassen aufzufüllen, dass ihr das Zubereiten des Teigwerks inzwischen keinen Spaß mehr macht. Sie hat auch schon eine stattliche Anzahl von Klassenzimmern und Schultoiletten gestrichen. "Das gehört für Eltern in Deutschland doch inzwischen zum Alltag", meint Lohss. Dennoch fehlt es in den Klassenzimmern ihrer Kinder sogar an intakten Tischen. Astrid Lohss setzt deshalb nun auf Blumen. "Tulpen für Tische" sollen am Wochenende vor dem Valentinstag verkauft werden.

8.000 Tulpen hat der Blumengroßmarkt dafür gesponsert, am 14. Februar und dem Wochenende davor sollen Schüler und Eltern sie an gut frequentierten Orten verkaufen: auf Wochenmärkten, größeren Plätzen und vor Bahnhöfen. Genauso gut könnten auch Schokolade oder Valentinstageskarten verkauft werden. Und das eingenommene Geld muss nicht nur für Tische ausgegeben werden. "Jede Schule hat ja andere Probleme", weiß Astrid Lohss. Bisher haben sich sechs Schulen bei der Aktion angemeldet, weitere sind willkommen. Die Architektin Lohss engagiert sich auch im Projekt "Architektur macht Schule". Dabei sollen Kinder erfahren, welchen Einfluss gebaute Umwelt auf ihr Leben hat. "Die meisten Schulen kämpfen mit beachtlichen Mängeln", sagt die 44-Jährige und zählt eine lange Liste mit Beispielen auf: veraltete Unterrichtsmaterialien, kaputte Tische und Stühle auf Sperrmüllniveau, Raumnot, Reparaturstau, Sanierungsbedarf. "In einer Grundschule waren die Toiletten so kaputt, dass die Kinder sie schlicht nicht benutzen konnten."

André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, ergänzt die Liste um oftmals mangelhafte Reinigung der Schulen sowie eine hohe Belastung der Klassenräume mit Staubpartikeln und Schadstoffen, weil zu wenig gelüftet würde. Er glaubt, dass Eltern inzwischen fast verpflichtet seien, die Schulkassen aufzubessern: "Wenn meine Tochter jeden Tag in einem unzumutbaren Klassenzimmer sitzen muss, dann tue ich doch lieber etwas, als nur abzuwarten." Er kennt ein Modell, bei dem an einer Ganztagsgrundschule die Gesamtelternvertretung einen Fonds eingerichtet hat. Die Eltern zahlen jährlich pro Kind drei Euro ein. "Mit den Einnahmen von Schulfesten kommt da einiges zusammen", sagt Schindler.

Mit dem neuen Schulgesetz werden auf die Berliner Schulen noch mehr Belastungen zukommen. Weil beispielsweise das Einschulungsalter um ein halbes Jahr herabgesetzt wird, sollen im kommenden Schuljahr 13.000 zusätzliche Erstklässler eingeschult werden. "Die finanzielle und personelle Ausstattung der Schulen reicht nicht, um das neue Schulgesetz durchzusetzen", meint Astrid Lohss. Zwar liege die Verantwortung bei den Trägern. "Aber wenn die öffentlichen Mittel auch für den substanziellen Teil nicht ausreichen, sind wir als Eltern doch gezwungen, selbst aktiv zu werden."

Die Bezirke jedenfalls wurden es nicht. Im vergangenen Jahr haben sie offenbar 14,5 Millionen Euro nicht ausgegeben, die der Senat für Schulsanierung zur Verfügung gestellt hätte. Insgesamt waren 47,5 Millionen bewilligt worden, ausgeschöpft wurden nur 33 Millionen Euro - weil der Haushalt erst im April 2004 in Kraft getreten sei, heißt es aus den zuständigen Bezirken. Schulsenator Klaus Böger (SPD) versicherte, die Gelder würden nicht verfallen, sondern wären in diesem Jahr noch verfügbar.

taz Berlin lokal Nr. 7585 vom 8.2.2005, Seite 22, 119 Zeilen (TAZ-Bericht), JULIANE GRINGER

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Dienstag, 08. Februar 2005

Thema des Tages
Eltern-Engagement in Schulen

Der geschätzte Sanierungsbedarf für Berliner Schulen und Sportstätten liegt bei 300 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr bereitgestellt für die Sanierung der Schulen wurden 47,5 Millionen Euro - und nicht mal die wurden ausgeschöpft. Kein Wunder, dass es vielen Eltern reicht - so sehr, dass sie nun selber aktiv werden. Die einen wollen am kommenden Wochenende Blumen verkaufen, um Geld für Tische zu bekommen (www.tulpen-fuer-tische.de). Die anderen bilden einen Landesverband der schulischen Fördervereine (www.lsfb.de) und tauschen dort Tipps aus.

taz Berlin lokal Nr. 7585 vom 8.2.2005, Seite 22, 11 Zeilen, Thema des Tages

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Donnerstag, 20. Januar 2005

Grüne kriegen Wut

Marode Schulen trotz vorhandener Gelder. Grüne kritisieren den Senat. Böger gibt Bezirken die Schuld Die Grünen werfen dem rot-roten Senat Versäumnisse bei der Sanierung von Schulen und Sportstätten vor. Trotz zahlreicher maroder Gebäude seien Millionen nicht ausgegeben worden, kritisierte gestern die Haushaltsexpertin Ramona Pop. Dagegen wies Bildungssenator Klaus Böger (SPD) die Verantwortung für nicht abgerufene Sanierungsmittel zurück. Von den für 2004 bereitgestellten 47,5 Millionen Euro wurden bis Jahresende lediglich 34 Millionen Euro abgerufen. Trotz eines Sanierungsbedarfs an den Schulen in Höhe von rund 300 Millionen Euro werde zur Verfügung stehendes Geld nicht eingesetzt, sagte die Grünen-Politikerin. Wer Bildung ernsthaft zur Priorität erkläre, müsse auch für die Renovierung und den Umbau von Schulen sorgen. Auch der Ausbau von Ganztagsschulen komme nur schleppend voran. Für die Planung und Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen seien die Bezirke zuständig, nicht der Senat, rechtfertigte sich Böger im für Finanzen zuständigen parlamentarischen Hauptausschuss. Als Begründung dafür, warum die Mittel nicht abgerufen worden sind, gaben die Bezirke an, dass der Haushalt erst im April in Kraft getreten ist. Nach Darstellung des Schulsenators verfallen die restlichen Gelder jedoch nicht, sondern stehen auch für dieses Jahr noch zur Verfügung. Berlin müsse dringend in den Ausbau von Schulen investieren, betonte Klaus Böger. Nach seinem Eindruck würden die Projekte zügig und verantwortungsvoll umgesetzt. Dennoch appellierte der Schulsenator "an die Verantwortlichen in den Schulen und Bezirken, mit erster Priorität, größtmöglichem Einsatz und Kraft die Projekte zu verwirklichen". " DDP taz Berlin lokal Nr. 7569 vom 20.1.2005, Seite 21, 59 Agentur

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