Eltern schlagen Alarm: Hygiene an Berliner Schulen mangelhaft

Ausschuß klagt Verantwortliche bei Senat und Bezirken an - Mehr Kontrollen gefordert

An der Habermann-Schule erkrankten sieben Kinder an Paratyphus

Foto: Joachim Schulz

Von Isabell Jürgens und Konrad Jahr-Weidauer

An Berlins Schulen sind die hygienischen Bedingungen unerträglich - doch niemand sieht sich in der Verantwortung. Senatsverwaltung und Bezirke weisen die Schuld dem jeweils anderen zu. Für die Eltern kaum zu fassen: Seit Jahren kämpfen Eltern, Elternausschüsse sowie verantwortliche Kommunalpolitiker um eine Verbesserung der Zustände. Nichts ändert sich.

"Es ist eine Schande, wie die Verantwortlichen bei Senat, im Bezirk und an den Schulen mit der Hygiene an den Schulen umgehen", sagte André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Erst in dieser Woche hatte der Fall der Ernst-Habermann-Schule in Wilmersdorf für Aufsehen gesorgt. Sieben Schüler einer fünften Klasse waren an Paratyphus erkrankt; wie die meldepflichtige Durchfallerkrankung übertragen wurde, ist nach wie vor unklar. Bei einer Überprüfung der Schule war jedoch der teilweise desolate hygienische Zustand der Schultoiletten aufgefallen.

Nach Ansicht des Elternvertreters kein Einzelfall. Es sei vielmehr ein extremes Beispiel, wie Berlin mit der Gesundheit seiner Kinder umgehe. Seit Jahren weise der Elternausschuß auf das brennende Problem der unzureichenden Hygiene an den Berliner Schulen hin. Der Dreck und Schmutz habe inzwischen eine Stufe erreicht, den niemand mehr hinnehmen könne. "Wenn sich die Kinder einen Toilettengang an ihrer Schule verkneifen, weil es sie ekelt, dann kann etwas nicht stimmen", meint Schindler. Er habe den Eindruck, daß sich sowohl die Senatsverwaltung als auch die Bezirke vor ihrer Verantwortung drückten.

Schindler fordert eine strengere Kontrolle der Reinigungsfirmen. Außerdem müßten wegen der angestrebten Ganztagsbetreuung an den Schulen die Reinigungsverträge den neuen Bedingungen angepaßt werden. Im Interesse der Gesundheit der Kinder dürfe an der Reinigung in den Schulen nicht gespart werden.

Auch die Senatsverwaltung für Gesundheit verlangt eine Anpassung der Verträge, wies aber zugleich eine Verantwortung an den Zuständen von sich. "Hier sind allein die Bezirke in der Pflicht, saubere Verhältnisse zu schaffen", sagt Sprecherin Roswitha Steinbrenner.

Die zuständige Amtsärztin für Wilmersdorf, Claudia Brandt, bestätigt die großen hygienischen Probleme an Berlins Schulen. Auch wenn sich die Beschwerden häuften, sei man machtlos. "Wir können nur aufklären, und die Schüler bitten, diesen Ort in ihrem eigenen Interesse sauberzuhalten", sagt sie. Einmal im Jahr gebe es Begehungen in den Schulen, bei denen auch diese Örtlichkeiten inspiziert würden.

Bernhard Skrodzki, FDP-Wirtschaftsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf, ist zuständig für die Verträge mit den Reinigungsfirmen: "Wir sind angehalten, immer das kostengünstigste Angebot zu nehmen." Das sei leider nicht immer das Beste. Einmal pro Tag werde gereinigt. Für Skrodzki ist es besonders das vorgezogene Schuleintrittsalter, das den unsauberen Zustand der Toiletten mit verursache, da Kinder in diesem Alter beim Toilettengang noch nicht sicher seien.

Für die katastrophalen hygienischen Zustände an der Ernst-Habermann-Schule macht Rektorin Marlies Hantke die Senatsverwaltung verantwortlich. "So schlimm das auch klingt - der Hygienezustand ist an allen Berliner Schulen mehr oder minder gleich", sagt Hantke. Da das Schulgebäude an der Babelsberger Straße 24-25 in Senatsbesitz sei, werde es von der Berliner Immobilien Management (BIM) verwaltet. "Die senatseigene BIM hat für uns die Reinigungsverträge abgeschlossen", berichtet die Rektorin. Lediglich Böden, Waschbecken und Toiletten würden täglich feucht gewischt. "Leider kann ich die Verträge nicht ändern", so Hantke. Sie habe aber den Zeitungsartikel aus der Berliner Morgenpost an die BIM weitergeleitet, in dem auf die Zustände hingewiesen wurde. "Außerdem habe ich die Eltern aufgefordert, Briefe an die BIM zu schreiben, um Druck zu machen."

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