Presse

Donnerstag, 24. Februar 2005

"Wer sein Fach langweilig findet, richtet Unheil an"

Beim Forum der Berliner Zeitung "Berlin-Alexanderplatz" wurde über die Lehrer-Qualität diskutiert

von Tobias Miller

Rund 30 000 Lehrer geben jede Woche in Berlin an den Schulen mehr als eine halbe Million Schulstunden. Der überwiegende Teil der Pädagogen ist sehr gut ausgebildet, darüber waren sich die Diskutierenden beim Forum der Berliner Zeitung "Berlin-Alexanderplatz" über die Güte der Lehrer am Mittwoch- abend schnell einig. Trotzdem scheitert in der Hauptstadt etwa jeder dritte Schüler nichtdeutscher Herkunft und geht ohne Abschluss von der Schule. Bei den bisherigen nationalen wie internationalen Vergleichsarbeiten lagen die Berliner immer auf den hinteren Plätzen. Bei den nächsten Pisa-Daten, die im Herbst veröffentlicht werden, wird Berlin im Vergleich der 16 Bundesländer wahrscheinlich im letzten Drittel landen. Wie gut sind also unsere Lehrer wirklich, war die zentrale Frage des Abends.

Wie ein roter Faden zog sich bei den Antworten das Thema Geld durch die Debatte des Abends. Die entscheidende Reform für bessere Ergebnisse sei, "mehr Unterricht an den einzelnen Schüler zu bringen", sagte etwa Hinrich Lühmann, Rektor des Humboldt-Gymnasiums in Tegel. An der Ausbildung des einzelnen Lehrers liege es nicht, "die ist sehr gut". Wenn man aber mehr Zuwendung wolle, wie es die finnischen Schulen erfolgreich vormachten, "braucht man mehr Personal". Für ihn sei der eigentliche Skandal, dass Bildung in Deutschland, verglichen mit den Ausgaben in anderen OECD-Ländern, offenbar "nichts wert ist". Der gleichen Meinung war auch Rose-Marie Seggelke, Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie begrüßte zwar die Reformvorhaben die mit dem neuen Schulgesetz eingeleitet worden sind. Der "entscheidende Nachteil" des Gesetzes sei aber, dass es keine zusätzlichen Kosten verursachen dürfe. Aber allein für die Deutschkurse der Schulanfänger, für die neue Schulanfangsphase in der Grundschule, müssten neue Stellen geschaffen werden. Sie plädierte dafür, sofort neue Lehrer einzustellen, auch wenn es rechnerisch noch zu viele Lehrer im Stellenplan gebe. Spätestens Anfang nächsten Jahres brauche man sie. Im Übrigen habe der hohe Altersdurchschnitt der Lehrer auch einen Vorteil, sagte sie zweideutig. "Die Berliner Lehrer haben sehr viel Berufserfahrung."

Dass er nicht mehr einstellen könne, "tut mir weh", sagte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) und verwies auf den Finanzsenator Thilo Sarrazin. Böger wies erneut die Behauptung Sarrazins zurück, es gebe in Berlin zu viele Lehrer. "Auch ein Senator kann Blödsinn reden", sagte Böger. Er habe für das kommende Schuljahr übrigens 200 Stellen genehmigt, "obwohl ich die noch gar nicht in meinem Haushalt habe", verriet er.

Mehr Geld allein hilft nicht, hielt Heinz-Elmar Tenorth, Vize-Präsident der Humboldt-Universität, dagegen. "Gute Schule hat nichts mit Geld zu tun", sagte er. Es gebe nach wie vor "viele Lehrer", die nichts wüssten über den tatsächlichen Wissenstand in ihrer Klasse. Es gebe immer noch "geheiligte Güter" wie "der Nachmittag gehört dem Lehrer und keiner lässt sich in den Unterricht schauen". Das müsse sich ändern. Lehrer und Schule müssen ein Bild von sich selbst entwickeln, das sie erreichen wollen. Dazu gehören auch Selbstverpflichtungen, die man gegenseitig eingeht. Das Schulgesetz zeige in die richtige Richtung: Ziele formulieren und nicht den Weg vorgeben.

Aber es gebe auch "keine kleine Gruppe" von Lehrern, die unter ihrem Beruf leiden und für die die Belastung einfach zu groß ist. Daher werde man künftig in der Lehrerausbildung auch stärker auf praktische Erfahrungen setzen, sagte Tenorth. Wer Lehrer werden wolle, müsse aber auch seine Fächer gut auswählen. "Wer sein Fach langweilig findet, richtet Unheil an." Das sind nach seinen Worten keine schlechten Lehrer, "sondern die sind im falschen Beruf".

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Donnerstag, 24. Februar 2005

Wer weniger Betreuung braucht, spart Geld

Gesetzentwurf zur Hortbetreuung liegt vor

von Tobias Miller

Vor einem Jahr war das Schulgesetz fertig. Jetzt ist die Reform der Kindertagesstätten und Horte dran. Die Senatsbildungsverwaltung hat den lange erwarteten Gesetzentwurf ausgearbeitet. Wie berichtet, werden die Hortbeiträge tatsächlich nicht teurer. Allerdings müssen sich die Eltern zwischen insgesamt sieben Betreuungsteilzeiten, so genannten Modulen, entscheiden. Freie-Träger-Verbände fürchten, dass durch diese Zerstückelung eine zusammenhängende pädagogische Arbeit mit den Schülern kaum mehr möglich sein und der Hort zu einer reinen Betreuungseinrichtung wird. Bei den Kitas gehen die Träger davon aus, das nur noch kürzere Betreuungszeiten genehmigt werden können.

Das Modul-System bei der Hortbetreuung ist notwendig geworden, weil mit dem Beginn des nächsten Schuljahres im August alle Grundschulen die Kinder der ersten vier Klassen zwischen 7.30 Uhr und 13.30 Uhr betreuen müssen. Bei den Ganztagsgrundschulen ist es die Zeit bis 16 Uhr. Das Angebot ist für alle kostenfrei. Davor und danach übernehmen städtische und private Horte die dann beitragspflichtige Betreuung. Bislang lag den Beiträgen eine Betreuungszeit von etwa 11.30 Uhr bis 16.30, also fünf Stunden zu Grunde. Die längste Hortzeit nach dem neuen Gesetz sind während der Schulzeit sechs Stunden (siehe Tabelle). Die Beiträge entsprechen genau den bisher geltenden Hortbeiträgen - wer weniger Zeit braucht, spart im Vergleich zur alten Tabelle. Die Geschwisterermäßigung mit 80 Prozent für zwei, 60 Prozent für drei und 50 Prozent ab vier Kindern gilt weiter, ebenso die Ferienregelungen.

Bei den Kitas bleibt der Personalschlüssel zwar der alte, aber nach dem Gesetzentwurf wird künftig strenger geprüft, wie viel Betreuungszeit eine Familie wirklich braucht. Bislang war zum Beispiel für ein Jugendamt der Tag mit der längsten Arbeitszeit der Eltern für die Genehmigung der Betreuungszeit pro Woche entscheidend. Nach dem Entwurf soll bei wechselnden Arbeitszeiten künftig ein Durchschnitt genommen werden. Dies wird nach den Worten von Roland Kern, Sprecher des Dachverbandes der Kinder- und Schülerläden zu einer Reduzierung der Betreuungsstunden und damit des Personals führen - bei unveränderten Öffnungszeiten. Außerdem müssen die Eltern ihren Bedarf künftig jedes Jahr aufs Neue nachweisen. "Es gibt einen gewissen Widerspruch in dem umfassenden Bildungsanspruch, der eigentlich mehr Personal erfordert und den rigiden Bedarfsfestlegungen", sagt Kern der Berliner Zeitung. (tom.)

Der Gesetzentwurf im Internet:

www.daks-berlin.de/ aktuelles/informationen/neueskita- gesetz/index.htm


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Donnerstag, 24. Februar 2005

Streit um die richtigen Werte

von Christine Richter

Wie werden Kindern und Jugendlichen in den Schulen die gesellschaftlichen Werte, die Unterschiede zwischen den Kulturen am besten vermittelt? In der rot-roten Regierungskoalition gibt es darüber Streit: Während Bildungssenator Klaus Böger (SPD) ein Pflichtfach mit der Wahlmöglichkeit zwischen Lebenskunde und Ethik einerseits und Religion andererseits anbieten will, spricht sich die PDS für einen einheitlichen Unterricht aus, den alle Schüler wahrnehmen müssten. CDU und FDP unterstützen Bögers Idee, die Grünen dagegen die PDS. Heute diskutiert das Abgeordnetenhaus über das Problem, denn die CDU-Fraktion beantragt eine Änderung des Schulgesetzes - im Sinne Bögers.

Derzeit ist der Besuch des Religionsunterrichts in den Berliner Schulen freiwillig. Wer kein Interesse an evangelischem oder katholischen Unterricht, an dem vom Humanistischen Verband angebotenen Lebenskundeunterricht oder an Islamkunde hat, darf frei machen. Böger will das ändern und ein Pflichtfach mit Alternativen einführen. Dann wäre auch eine staatliche Ausbildung der Islamkundelehrer nötig und Kontrolle möglich. In der SPD ist Bögers Vorschlag aber umstritten.

Der Koalitionspartner PDS hat in den vergangenen zwei Monaten ein eigenes Konzept ausgearbeitet. Die PDS möchte ein verbindliches Unterrichtsfach ohne Abwahlmöglichkeit einführen - ähnlich wie in in Brandenburg, wo das Fach Lebenskunde/Ethik/Religion (LER) für alle Schülerinnen und Schüler vorgeschrieben ist. Um dieses Angebot finanzieren zu können, sollen nach Vorstellungen der PDS Stunden bei anderen Fächer gekürzt werden. Welche, wollte die PDS-Fraktion noch nicht verraten. Das neue Fach soll "als Stufenmodell" ab Klasse 7 eingeführt werden, erst später will man sich die Grundschulen und in einem dritten Schritt auch die Kindertagesstätten vornehmen. Die christlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften sollen nicht aus den Schulen vertrieben werden, allerdings weniger Geld für ihr Angebot erhalten. Wer also Religionsunterricht nutzen will, muss dies zusätzlich zu dem neuen Fach tun.

"Das ist der richtige Weg", sagte dazu der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu. "Wir wollen den Dialog zwischen den Kulturen, in einem Unterricht für alle." Die Grünen unterstützen deshalb das PDS-Modell, auch wenn es wegen der weiter vorgesehenen Finanzierung der Kirchen und Religionsgemeinschaften teuer wird. Allerdings müssten die Zuschüsse gekürzt werden und die Kirchen künftig größere Gruppen akzeptieren, so Mutlu. "Die normalen Klassen bestehen auch nicht nur aus sieben oder zwölf Schülern, sondern aus 30", sagte der Abgeordnete.

CDU und FDP lehnen den PDS-Vorschlag ab. "Die Kinder brauchen einen Wahlmöglichkeit", sagte die FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben. Der Unterricht müsse für alle verbindlich vorgeschrieben werden, aber eben mit der Alternativen zwischen Lebenskunde und Religion. "Die PDS hat eine unbegründete Angst vor Religionslehrern", sagte der CDU-Abgeordnete Uwe Goetze. Diese könnten Werte ebenso vermitteln wie die Lehrer, die dann Lebenskunde und Ethik unterrichten würden. Außerdem möchte die CDU durch die Einführung eines Wahlpflichtfaches erreichen, dass die Islamische Föderation gezwungen ist, ihrer Lehrer staatlich ausbilden zu lassen.

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hält an seinem Vorschlag fest, begrüßte aber die neuen Ideen der PDS. "So kommt Bewegung in die Diskussion", sagte Böger am Mittwoch.


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Donnerstag, 24. Februar 2005

Ungeklärte Zukunft für 600 Vorklassenleiterinnen

von Tobias Miller

Rund 600 Leiterinnen der Vorklassen wissen bisher nicht, wo und wie sie im neuen Schuljahr eingesetzt werden. Das ist, nach Meinung der CDU, ein unhaltbarer Zustand. Sie fordert, dass Bildungssenator Klaus Böger (SPD) spätestens bis Ende März ein Konzept über den künftigen Einsatz der Vorklassenleiterinnen vorlegt. Durch das neue Schulgesetz werden die Vorklassen abgeschafft. Die CDU fürchtet, dass diese Pädagogen sich künftig nicht mehr um kleine Kinder kümmern sollen, sondern in allen Klassenstufen eingesetzt werden. (tom.)


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Donnerstag, 24. Februar 2005

CDU wirft Böger Verschwendung vor

Senator setze Vorklassenleiterinnen nicht fachgerecht ein

von Tobias Miller

Es sind noch knapp sechs Monate bis zum neuen Schuljahr und die rund 600 Leiterinnen der Vorklassen wissen immer noch nicht, wo und wie sie dann eingesetzt werden. Das ist, nach Meinung der CDU, ein unhaltbarer Zustand. "Da geht Kompetenz verloren", warnt die schulpolitische Sprecherin der CDU-Faktion, Katrin Schultze-Berndt. Sie fordert, dass Bildungssenator Klaus Böger (SPD) spätestens bis Ende März ein Konzept über den künftigen Einsatz der Vorklassenleiterinnen vorlegt.

Durch das neue Schulgesetz werden die Vorklassen abgeschafft. Die meisten Grundschulen hatten in der Vergangenheit solche vorschulischen Klassen eingerichtet. Das letzte Jahr vor ihrer Einschulung wurden auf diese Weise Kinder von Erzieherinnen mit der Zusatzausbildung als Vorklassenleiterin auf das Schulleben vorbereitet. Die Pädagogen haben selbstständig nach einem Rahmenplan gearbeitet. Nach den Plänen der Senatsschulverwaltung sollen die 600 Vorklassenleiterinnen künftig in den Grundschulen eingesetzt werden.

Die CDU und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) fürchten, dass diese Pädagogen auf den Erzieherschlüssel der Grundschulen angerechnet und sie in der normalen Betreuung der unterrichtsfreien Zeit oder bei drohendem Stundenausfall in allen Klassenstufen eingesetzt werden. Dadurch gehe die bestimmte Qualifikation im Umgang mit kleinen Kindern zu Beginn der Schulzeit verloren, sagte Katrin Schultze-Berndt. Die Vorklassenleiterinnen sollten nach ihren Vorstellungen ausschließlich in der neuen Schulanfangsphase, in der die ersten beiden Klassen gemeinsam unterrichtet werden, eingesetzt werden. "Wir erwarten umgehend eine Arbeitsplatzbeschreibung", sagt Ljubica Juras-Kopitzki, im VBE Leiterin der Fachgruppe Vorklassen und selbst Vorklassenleiterin.

Offenbar hat die Verwaltung tatsächlich vor, die Vorklassenleiterinnen wie normale Erzieherinnen einzusetzen. Anders sei es gar nicht möglich, hatte Ludger Pieper, Abteilungsleiter Schule, schon vor Wochen bei einer Veranstaltung des Beamtenbundes gesagt. (tom.)


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Mittwoch, 23. Februar 2005

"Berlin landet bei Pisa im unteren Feld"

Bildungssenator Böger über Qualität und den Finanzsenator

Gespräch: T. Miller und J. Thomsen.

Herr Böger, hat Berlin nun zu viele oder zu wenige Lehrer?

Wir haben gegenwärtig quantitativ so viele Lehrer, wie wir brauchen, um die Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Wenn es Probleme gibt, dann in einzelnen Fächern oder Schulen. Diese Probleme zu lösen, ist die Aufgabe der regionalen Schulaufsicht.

Finanzsenator Sarrazin hat Ihnen jetzt vorgerechnet, dass Sie rund 4 000 Lehrer mehr als im Bundesdurchschnitt zur Verfügung haben.

Das ist Unfug. Kollege Sarrazin hält mir etwa vor, dass wir zu viele Lehrer wegen der Integration von Behinderten haben. Aber das ist in Berlin die Gesetzeslage.

Die kann man ändern.

Dann sollen diejenigen, die das wollen, das auch so sagen. Ich bin dagegen, daran etwas zu ändern. Die SPD übrigens auch. Unsere Integration von behinderten Kindern ist ein Vorbild für andere Länder. Ich kenne Eltern, die deswegen aus Bayern hergezogen sind.

Sarrazin erwähnt auch die jetzt schon intensive Förderung von Klassen mit vielen Ausländerkindern ...

Was soll daran falsch sein? Ich habe jetzt sogar entschieden, dass neue erste Klassen mit mehr als 40 Prozent Kindern nichtdeutscher Herkunft noch einmal um zwei auf durchschnittlich 20 Schüler verkleinert werden sollen.

Das Ergebnis der Berliner Schulen bei Vergleichstests ist trotz guter Lehrerausstattung nicht gut.

Es ist Käse, wenn man mir vorhält, ich kümmere mich nicht um Qualität. Kein anderer Bildungssenator hat sich so sehr für Qualität eingesetzt, wie ich. Ich bin es leid, mir von Laien Vorhaltungen machen zu lassen, die glauben, alles könne über Nacht besser werden. Alle Experten sagen jedoch, dass Bildungsreformen längere Zeit und bildungspolitische Konstanz brauchen, bis sie wirken.

Bis dahin schneidet Berlin in den Vergleichstests schlecht ab?

Viele Schulen in der Stadt haben mit dem doppelten Problem zu kämpfen: einem hohen Anteil Kinder nichtdeutscher Herkunft und schwierigsten sozialen Problemen. Das ballt sich vor allem in den Innenbezirken. Natürlich wirkt sich das nachteilig auf die Testergebnisse aus.

Dabei ist der Ausländeranteil in anderen Städten noch höher als in Berlin .

...sagt Kollege Sarrazin. Der Finanzsenator macht aber einen groben Denkfehler: Nicht die Staatsangehörigkeit ist entscheidend, sondern die Herkunft. Zum Beispiel werden Russlanddeutsche als Deutsche gezählt, ob sie Deutsch sprechen können oder nicht.

Sie selbst haben von einem Riss durch die Stadt gesprochen. Was ist zu tun?

Zunächst: Der Riss wurde bei den Vorgängen an der Thomas-Morus-Schule, wo Jugendliche den Mord an einer jungen Türkin befürwortet haben, blitzartig sichtbar. Offenbar haben viele Menschen, mich eingeschlossen, in den vergangenen 15 Jahren diese gefährliche Entwicklung nicht gesehen haben. Jetzt halten wir dagegen , aber es ist ein langer Weg.

Im Herbst werden die nationalen Pisa-Ergebnisse veröffentlicht. Auf welchem Platz wird Berlin landen?

Ich befürchte, dass Berlin im unteren Feld auf einem zweistelligen Platz liegen wird. Alles andere würde mich freuen.

Gespräch: T. Miller und J. Thomsen.


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Donnerstag, 17. Februar 2005

Bezirke wollen allein entscheiden wofür sie Geld ausgeben

Senator prüft, ob genug in die Schulsanierung investiert wird

von Christine Richter

Die Bezirke halten von dem neuesten Vorschlag von Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) gar nichts. "Die Annahme ist irrig, dass wir die bauliche Unterhaltung vernachlässigen, um uns im Bezirk Luxus zu leisten", sagte der Bezirksbürgermeister von Pankow, Burkhard Kleinert (PDS), am Mittwoch. "Aber solchen Unsinn hört man ja öfter mal." Der Senator lässt derzeit, wie berichtet, prüfen, ob die Bezirke die Finanzmittel, die für die Sanierung von Schulen oder Straßen vorgesehen sind, für andere Zwecke ausgeben. Wenn ja, will Sarrazin den Bezirken Vorgaben machen, wie viel Geld für die Schulreparaturen verwendet werden muss.

Es bestehe "der begründete Verdacht", dass die Bezirke Geld aus der Bauunterhaltung für andere Projekte wie Volkshochschulkurse ausgeben, sagte Sarrazins Sprecher Matthias Kolbeck am Mittwoch. Deshalb würden die Zahlen jetzt überprüft und gegebenenfalls Konsequenzen gezogen. Die zwölf Bezirke erhalten so genannte Globalhaushalte, in denen bestimmte Summen für die einzelnen Bereiche vorgesehen sind. Für die Verwendung des Geldes sind die Bezirke aber selbst verantwortlich. In den vergangenen Jahren gab es schon einmal Ärger mit den Bezirken, weil in den Schulen viel weniger Geld für den Kauf von neuen Schulbüchern ankam, als der Senat zugewiesen hatte. Die Bezirke hatten andere Projekte damit finanziert.

In den Bezirken will man von Vorgaben nichts wissen. "Wir können mit den Mitteln für bauliche Unterhaltung doch nur noch das Notwendigste machen", sagte Kleinert. Auch der Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Ekkehard Band (SPD), lehnt Sarrazins Vorstoß ab. Es gebe nicht genug Geld für die Sanierung von Schulen, Straßen oder die Pflege von Grünflächen. "Das reicht doch hinten und vorn nicht", sagte Band. Deshalb sei es überflüssig, Vorgaben zu machen. In Tempelhof-Schöneberg wurde zudem ein bezirkliches "Schultoilettensanierungsprogramm" beschlossen. Rund vier Millionen Euro stehen dafür in den nächsten fünf Jahren zur Verfügung. "Mit dem Geld aus dem zentralen Schul- und Sportstättensanierungsprogramm des Senats kommen wir nicht aus", sagte Band.

Auch bei der Opposition im Abgeordnetenhaus stößt Sarrazin auf Widerstand. "Der Finanzsenator will alles selbst kontrollieren, aber wir halten eine dezentrale Struktur für besser, auch wenn uns nicht immer jede einzelne Entscheidung der Bezirke passt", sagte der CDU-Abgeordnete Alexander Kaczmarek. Der Grünen-Haushaltsexperte Oliver Schruoffeneger forderte, das bürokratische Verfahren beim Schul- und Sportstättenprogramm zu vereinfachen. Nur der FDP-Abgeordnete Christoph Meyer plädierte für eine Überprüfung der Ausgaben: "Das Geld darf nicht zweckentfremdet werden."

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Donnerstag, 17. Februar 2005

Die Schulden steigen weiter

Die Finanzplanung des Senats reicht bis zum Jahr 2009. Demnach will die Landesregierung die Personalkosten und die Ausgaben in anderen Bereichen weiter senken.

Die Schulden werden gleichzeitig weiter ansteigen, weil zwischen den Ausgaben und den Einnahmen nach wie vor eine Lücke von rund drei Milliarden Euro klafft.

Die Bankenkrise wirkt sich auch in den nächsten Jahren noch aus. 300 Millionen Euro wird der Senat pro Jahr zur Verfügung stellen, um auf diese Weise für die verlustreichen Immobilien- geschäfte einzuspringen.

Die Sachausgaben sollen in den nächsten zwei Jahren nochmals um 100 bis 150 Millionen Euro gekürzt werden.

Die Bezirke erhalten so genannte Globalhaushalte. Es wird ihnen also eine bestimmte Summe zugewiesen, über die sie verfügen können. Mehr Geld wird es in den nächsten Jahren für die Bezirke aber nicht geben.

Der Haushaltsplan des Senats soll nach der Sommerpause vom Abgeordnetenhaus beraten und beschlossen werden.

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Freitag, 21. Januar 2005

Im Notstandsgebiet

Thomas Rogalla

Die Katastrophe trifft auch die Schulen. In maroden Klassenräumen stehen kaputte Tische und Stühle, nach unseren Maßstäben nur noch Sperrmüll. Manche Metallgestelle sind bizarr verbogen. Auf den Korridoren liegt seit Wochen schlammiger Schmutz. Zwar stehen die Schulgebäude noch, doch abfallender Putz und Risse in den Wänden zeugen davon, welche Kräfte hier herrschen. In den Toiletten sind Waschbecken aus der Wand gerissen, wegen der unhaltbaren hygienischen Zustände meiden die Schüler die Klos, sie fürchten ansteckende Krankheiten. Die Folgen sind ökonomisch und sozial weitreichend. Denn neben dem Tourismus hat das rohstoffarme Land, in dem hunderttausende keinen Job haben, als Zukunftspotenzial nur seine Jugend. Bildung ist überlebenswichtig. Doch die Regierung tut nichts. Tüchtige Einheimische werden deshalb jetzt im Rahmen eines selbstinitiierten Entwicklungshilfeprojekts Tulpen verkaufen, um wenigstens das Nötigste für die Schulen zu beschaffen. (www.tulpen-fuer-tische.de). So ist die Lage im Notstandsgebiet. In Berlin. Zu Beginn des Einsteinjahrs 2005. Thomas Rogalla

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Dienstag, 11. Januar 2005

Hauptstadt-Helfer

Am Sonnabend wollen sich fünf Bürger-Netzwerke für Berlin miteinander verknüpfen

Tobias Miller

Die Aktion von Astrid Lohss passt genau zu dem Kongress. "Tulpen für Tische" hat die Architektin und Mutter ihr Projekt genannt. Zusammen mit anderen Eltern will sie am Wochenende vor dem Valentinstag am 14. Februar möglichst viele Tulpen verkaufen. Von den Einnahmen können dann neue Tische und Stühle für Schulen angeschafft werden. Denn die seien aus ihrer Sicht in einem katastrophalen Zustand, sagt Lohss. Ein gutes Beispiel für Bürgerengagement, findet Johannes Bohnen. Daher wurden die Eltern eingeladen, ihr Projekt am Sonnabend im Grand Hyatt zu präsentieren. In dem Hotel am Potsdamer Platz trifft sich der Hauptstadtkongress "Berlin hilft sich selbst", den Bohnen initiiert hat. Fünf Berliner Bürger-Netzwerke wollen sich zusammentun, um der Stadt zu helfen. Einem von ihnen gehört Bohnen selbst an: dem Gesprächskreis Hauptstadtunion, der von CDU-Mitgliedern initiiert wurde, die mit dem Regierungsumzug nach Berlin gekommen sind. Im Brotberuf arbeitet Bohnen bei der Agentur Scholz & Friends.

Bei dem Kongress geht es um große Ziele, die mit möglichst konkreten Projekten erreicht werden sollen. Erreichen wolle man eine "neue Balance zwischen Staat und Privat", sagt Bohnen. Man möchte die Bürger animieren, sich für ihre Stadt stark zu machen und man möchte selber Möglichkeiten schaffen, sich zu engagieren. Daher werden sich nicht nur die Eltern mit ihrer Aktion, sondern etwa auch die Schlossbefürworter präsentieren. Ziel der Zusammenkunft ist nach den Worten Bohnens, eine Liste von Projekten zusammengetragen zu haben, die im nächsten Jahr umgesetzt werden sollen. "In einem Jahr schauen wir dann, was daraus geworden ist", sagte er.

Bürger-Netzwerke verstehen sich meist parteiübergreifend und sind durch eine lockere Form der Zusammenarbeit geprägt. Die fünf, die sich am Sonnabend am Potsdamer Platz treffen, waren schon in den vergangenen Jahren für Berlin aktiv. Es sind die Stiftung Liberales Netzwerk, die sich wie der BürgerKonvent für mehr Eigenverantwortung der Büger stark macht. Motto der Stiftung: "Privat geht vor Staat." Ebenfalls Träger des Kongresses ist die Initiative Hauptstadt, die 1990 gegründet wurde, als die Entscheidung anstand, ob Bundesregierung und Parlament von Bonn nach Berlin ziehen. Heute versteht sich die Initiative als Plattform, um Ideen für Berlin zu entwickeln und voranzubringen. Parteinäher sind die Netzwerke Gesprächskreis Hauptstadtunion und das Netzwerk 21, wo sich die jüngeren Abgeordneten der SPD organisiert haben.

Man habe einfach festgestellt, sagt Bohnen, dass die vielen verschiedenen Netzwerke mehr erreichen können, wenn sie sich für bestimmte Themen zusammenschließen. Dafür soll der Kongress den Anfang bieten.

Ein greifbares Ergebnis könnte er schon haben: Der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Alba-Chef Eric Schweitzer, hat bereits angekündigt, dass er das Partnerschaftsprojekt "Schule und Betrieb" ausbauen will. Ebenso will er Unternehmer gewinnen, die an der Universität als Praktiker lehren.

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